01.08.2026
Geflügelter Genius
Die Ruinen der Stadt Nimrud, das antike Kalchu, liegen im heutigen Irak, ca. 30 km südlich von Mossul am Fluss Tigris. Nimrud wurde im 13. Jh. v. Chr. gegründet und avancierte unter König Assurnasirpal II. im 9.–8. Jh. v. Chr. zur Hauptstadt des Neuassyrischen Reiches. Der Nordwest-Palast war königliche Residenz und Verwaltungszentrum des Landes. Das Gebäude, das über 200 Meter lang und 120 breit ist, besteht aus einem zentralen Innenhof, um dem sich zahlreiche Raumeinheiten wie Thronsaal und Empfangsbereiche gruppieren. Die Wände waren mit Hunderten großformatigen Steinreliefs ausgestattet, die den Erbauer König Assurnarsipal II. im Kult, magische Schutzgötter sowie Motive der königlichen Jagd und des Krieges darstellen. Die ursprüngliche Position der Reliefs, die sich heute im SMÄK befinden, kann aufgrund der archäologischen Dokumentation genau bestimmt werden.
Die Reliefplatten zeigen überlebensgroße göttliche Figuren, die u. a. als Schutz- und Weisheitswesen („Apkallu“) interpretiert werden. Im Nordwest-Palast, wo die geflügelten Genien auf den Reliefs mehr als 200-mal vorkommen, treten sie in Menschengestalt oder mit Vogelköpfen auf. Sie flankieren meist den König oder den „Lebensbaum“. Die Genien sehen sich in ihrer Gestaltung sehr ähnlich, zeigen jedoch Variationen bei den Attributen.
© SMÄK, Foto: M. FrankeDie Reliefs sind mit einem wiederkehrenden Text beschriftet. Auf die erste ausführliche Titulatur des Königs mit Angaben zur Abstammung sowie religiöse und kriegerische Beinamen folgt eine Zusammenfassung der Kriegskampagnen. Dem folgen eine zweite Titulatur und ein Baubericht über die Gründung von Nimrud und die Ausführungen des Palastes. Die Genien werden als Bewahrer vor negativen Einflüssen wahrgenommen und spenden dem König Lebenskraft.
1845 entdeckte der Brite Austen Henry Layard den Ruinenhügel und begann mit Ausgrabungen im Nordwest-Palast. Die dort freigelegten Reliefplatten ließ er abnehmen und für den Transport nach Europa zersägen. Heute sind Reliefs aus Nimrud auf mehr als 60 Museen und Sammlungen verteilt, darunter der Louvre, das Metropolitan Museum of Art, das Brooklyn Museum und das Vorderasiatische Museum in Berlin sowie zahlreiche weitere Institutionen in Europa, Nordamerika und Asien.
Einige Stücke wurden 1861 der Münchner Glyptothek angeboten, die bereits einige Jahre zuvor Interesse am Ankauf assyrischer Reliefs bekundet hatte. 1863 tätigte Ludwig I. seine letzte große Erwerbung für die Glyptothek und holte die Reliefplatten nach München.
Da die Glyptothek keinen Platz für die Reliefs bot, beauftragte Ludwig I. den Architekten Leo von Klenze mit einem Anbau im Innenhof. Klenze und – nach dessen Tod – Georg von Dollmann errichteten einen rekonstruierten Palastraum, flankierten dessen Eingang mit Gipsabgüssen von Torwächterfiguren und gestalteten die Wände mit farbigen Malereien nach assyrischen Vorbildern. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Anbau beschädigt und im Zuge des Wiederaufbaus der Glyptothek abgerissen. Die Reliefs wurden anschließend an das Ägyptische Museum überführt.


© SMÄKZahlreiche wissenschaftliche Projekte widmen sich der Erforschung der Reliefs und der zugehörigen Palastanlagen. Ein Teil dieser Vorhaben zielt darauf ab, die ursprüngliche Erscheinung und Aufstellung zu rekonstruieren. Ein besonderer Forschungsschwerpunkt liegt dabei auf der einstigen Farbigkeit. Seit 2026 vermittelt eine Medienstation im SMÄK den historischen und archäologischen Kontext und präsentiert für die Reliefplatte Gl. WAF 4 eine digitale Farbrekonstruktion. Diese bündelt die verfügbaren Befunde und vermittelt eine plausible Vorstellung des antiken Erscheinungsbildes. Grundlage sind naturwissenschaftliche Pigmentanalysen an den Originalreliefs, Farbfunde aus den Ausgrabungen sowie vergleichbare Darstellungen aus dem gleichen kulturellen Kontext.
Relief eines geflügelten Genius aus dem Nordwest-Palast Assurnasirpals II. von Nimrud
Alabastergips
Höhe x Breite x Dicke: 232,5 x 146,5 x 11,5 cm
um 883–859 v. Chr., Assurnasirpal II., Neuassyrisches Reich
Raum Zb, Nordwest-Palast von Assurnasirpal II., Nimrud (Calah)
Ausgestellt im Raum „Alter Orient“
Das Objekt in der Sammlung Online
Artikel zu den Assyrischen Reliefs in MAAT 20