08.12.2020

Blogparade #FemaleHeritage

Satdjehuti

Die Monacensia und die Münchner Stadtbibliothek rufen zur Blogparade unter dem Stichwort „Female Heritage“ – wir möchten mit unserem Beitrag gerne den Blick auf das weibliche Erbe um das Alte Ägypten erweitern.

„Königstochter und Königsschwester Satdjehuti, genannt Satibu, die Gerechtfertigte, geboren von der Königsgemahlin Teti-Scheri“

Goldene Sargmaske der Königin Satdjehuti© SMÄK

So lauten Name und Titel der Besitzerin einer vergoldeten Sargmaske im Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst München. Ein Glücksfall für das Haus im Kunstareal: Mit ihrer Attraktivität und Größe (mit einer Höhe von 60 Zentimetern ist das Stück deutlich überlebensgroß ) zieht sie die Blicke jeden Besuchers sofort auf sich, sobald er den Raum „Jenseitsglaube“ betritt. Dazu Gold! Sarg! Jenseits! Die gesammelten Assoziationen zum Alten Ägypten drängen sich sofort auf, sie steht nicht nur im Mittelpunkt, sie ist der Mittelpunkt des Raumes. Liebevoll-ironisch nennen wir sie manchmal unser „Covergirl“, wohl wissend, dass wir ihr damit Unrecht tun, denn sie ist nichts weniger als ein- bzw. zweidimensional.

Ihre Name findet sich auf der Rückseite des Stückes, also eigentlich der Innenseite des Sargdeckels, das dicht mit Hieroglyphen beschriftet ist, einer leicht kursiven Version der ägyptischen Schriftzeichen, die als „Totenbuch-Hieroglyphen“ bezeichnet wird – und genau dieser Text findet sich hier, einige Sprüche des Totenbuches, ein ägyptischer Jenseitsführer, dessen älteste bislang bekannte Version (um 1575 v. Chr.) hier vorliegt – ein Schlüsselstück der sogenannten „thebanischen Totenbuchredaktion“ und damit überaus spannend für die Religionswissenschaftler.

Beschriftete Rückseite der Sargmaske der Satdjehuti© SMÄK

Dank des Namens und vor allem der Nennung ihrer Mutter hat nun der Historiker seinen Auftritt: Teti-Sheri ist die auch viele Jahre nach ihrem Tod verehrte Stammmutter der 17. Dynastie am Ende der Zweiten Zwischenzeit (ca. 1750-1550 v. Chr.). Diese Epoche zwischen dem Mittleren und Neuen Reich ist geprägt von einer Spaltung des Landes. Im Norden herrschen die vorderasiatischen Hyksos in ihrer Hauptstadt Auaris im Ostdelta – zum ersten Mal beherrschen Ausländer große Teile Ägyptens, sitzt ein Nicht-Ägypter auf dem Thron der Pharaonen. „Hyksos“ ist eigentlich keine ethnische Bezeichnung, es bedeutet lediglich „Herrscher der Fremdländer“. Diese werden in der ägyptischen Chronologie als 15. und 16. Dynastie geführt, während im Süden – mit der Hauptstadt Theben – die 17. Dynastie zunehmend an Selbstbewusstsein gewann, was schließlich in einen Freiheitskampf der einheimischen Ägypter gegen die Hyksos mündete.

Dieser begann zur Zeit unserer Satdjehuti, die sehr wahrscheinlich auch eine Königliche Gemahlin gewesen ist und verheiratet gewesen ist mit Seqenenre Tao, der wohl in offener Feldschlacht eine tödliche Verwundung erlitten hatte, wie seine Mumie mit einer klaffenden Schädelverletzung vermuten lässt. So waren die Männer einschließlich des Königs auf monatelangen Feldzügen unterwegs, fernab der Hauptstadt. Und es waren die königlichen Frauen – Satdjehuti und die nachfolgenden Generationen – die praktisch die Amtsgeschäfte führten und das südliche Teilreich regierten.

Auch wenn es dazu keine schriftlichen Berichte gibt – eine Geschichtsschreibung in unserem Verständnis existierte noch nicht – , gibt es doch eine Objektgruppe, die unzweifelhaft die politische Bedeutung dieser Frauen belegt – und das sind die Särge der Königinnen dieser Zeit. In keiner anderen Epoche sind größere Särge als die der Königinnen Ahhotep, Ahmose-Meritamun – oder eben Satdjehuti – entstanden, bis zu einer Höhe von mehr als 3 Metern, und da meist noch ein Doppelfederpaar aufgesetzt war, auch darüber hinaus. Die Särge der Könige hingegen, von denen auch eine ganze Reihe erhalten sind, gehen kaum über Lebensgröße hinaus.

Das Material war Holz, vergoldet, wie unsere Satdjehuti, zeigt, und sie waren zum Teil mit Edelsteinen wie Karneol, Türkis und Lapislazuli eingelegt. Ihre Gesichter sind nicht idealisierend, wie dies meist oft der Fall ist, sondern weisen deutliche individuelle Züge auf, gleichfalls ein Hinweis auf die Selbständigkeit dieser königlichen Frauen. Ausgehend von den Särgen und anhand ihre Porträts kann man die Kunstgeschichte einer ganzen Epoche schreiben – ein anderes Thema.

Sarg der Ahmose-Meritamun

© SMÄK
Rekonstruierter Sarg der Satdjehuti

Doch zurück zu Satdjehuti, deren Sarg aufgrund der Parallelen rekonstruiert werden kann. Er gehört zum Typus der sogenannten Rischi-Särge (arab. Feder), bei denen der gesamte Körper von einem Federmuster bedeckt ist. Dahinter steht die Vorstellung einer geflügelten Göttin, etwa der Himmelsgöttin Nut, die die Verstorbene mit ihren Flügelarmen schützend umschließt. Auf dem Kopf sitzt die Geierhaube, die gängige Kopfbedeckung der Königin, eigentlich ein Geierbalg mit dem entsprechenden Vogelkopf an der Stirn.

Darüber hinaus liefert das Stück noch viele interessanten Details im Hinblick auf Materialien und Techniken: Das Holz stammt von der einheimischen Sykomore, und das ganze Teil ist in einer Art Patchwork-Technik zusammengedübelt aus kleinen Stücken – im holzarmen Ägypten achtete man auf die Schonung der natürlichen Ressourcen. Die Umrahmung der Augen besteht aus einem Kupferstreifen, der in raffinierte Weise zu einem Schnappmechanismus gebogen ist, so dass die Augen ohne weitere Fixierung in ihrer Aushöhlung festsitzen. Der Augapfel besteht aus Marmor, der in Ägypten nur ganz selten zu finden ist, die Iris aus einem dünnen Plättchen Obsidian.

In ihrer Kombination von historischer, religiöser, technologischer und kunsthistorischer Aussage ist die Sargmaske also von höchstem und umfassendem wissenschaftlichen Interesse – kombiniert mit einer faszinierenden Ausstrahlung für den Besucher, ein individuelles Porträt einer starken Frau. Wie gesagt, ein Glücksfall für das Museum. Und auch wir Insider erliegen immer wieder dem Charme ihres Silberblicks …

Dr. Sylvia Schoske, Ltd. Direktorin

Alle Beiträge der Blogparade #FemaleHeritage finden Sie auf der Seite der Münchner Stadtbibliothek: #FemaleHeritage

Katalog-Cover "Im Zeichen des Mondes"© SMÄK

Mehr zu Satdjehuti und den Königinnen der 2. Zwischenzeit im Katalog „Im Zeichen des Mondes“, erhältlich im Museums unter sekretariat@smaek.de