Museumskonzept

Es sind oft die Kleinigkeiten, die eine positive Atmosphäre für einen Museumsbesuch schaffen – und das beginnt gleich am Eingang. Leider ist es unausweichlich, ein paar Vorgaben für den Museumsbesuch zu machen, Tut man dies nicht – das zeigt die Erfahrung – kommt es immer für zu unangenehmen Diskussionen mit ein paar Uneinsichtigen, die auch zu Lasten der Aufseher oder anderer Besucher gehen, nach dem Motto: „Wo steht das denn?“ So sah sich leider auch das Ägyptische Museum München gezwungen, gleich auf die Glaswand des Windfangs nach der Eingangstür ein paar klassische Verbotsschilder zu positionieren, mit den üblichen Hinweisen: Essen verboten! Mitnahme von Getränken verboten! Anfassen der Objekte verboten – und was man sonst so alles im Museum vermeiden sollte. Kein guter Auftakt.

Eingangsbereich des Museums© SMÄK, Marianne Franke

Hinweissymbole im Museum© SMÄK

Heute findet sich an dieser Stelle eine Reihe von Figuren, die alle aus ägyptische Hieroglyphen entwickelt wurden – und der Besucher stutzt, beginnt das alles zu „lesen“, schmunzelt – und schon stehen die Verbote nicht mehr ganz so hart im Raum und werden dennoch verinnerlicht und eingehalten – meistens jedenfalls.

Bei den Symbolen für Männlein und Weiblein an den Toilettentüren (Bild oben), aus der DIN-Schrift der CI (Corporate Identity) des Museums entwickelt, gab es immer wieder Schwierigkeiten: Die Besucher waren unsicher, was denn nun was sei. Und die Fragen (und den Unmut) bekamen die Mitarbeiter des nahe gelegenen Museumsladens ab. Also musste Abhilfe geschaffen werden, was in Gestalt schriftlicher Information in den Sprachen erfolgte, die von den meisten Museumsbesuchern gesprochen werden. Erfolg auf der ganzen Linie: Die Besucher finden nun problemlos die richtigen Türen, die darüber hinaus zu einem beliebten Fotomotiv geworden sind. Und die Mitarbeiter des Ladens nehmen nun die positiven Rückmeldungen entgegen!

Beschriftung an den Toilettentüren© SMÄK

Beschriftung an den Museumsscheiben© SMÄK

Und noch ein Augenzwinkern: Die raumhohen Glaswände rechts und links des Eingangs (Bild unten) bedürfen einer Kennzeichnung, damit weder Museumsbesucher noch Vögel dagegen stoßen. Dafür werden meist entsprechende Symbole oder Querstreifen aufgeklebt. In einem ägyptischen Museum ist es naheliegend, auch hierfür eine Textzeile aus Hieroglyphen zu verwenden, diesmal ist der Text direkt einem altägyptischen Vorbild nachempfunden. Die Zeile lautet in Übersetzung: „Die Vorsteherin der Kultstätte (=die Direktorin des Museums), sie spricht: Das Krokodil gegen den im Wasser, die Schlange gegen den an Land, der etwas tut gegen dieses Haus des Sammelns, Schützens und Präsentierens (= das Museum)“. Diese „Fluchformel“ zum Schutz des Museums ist eine freie Nachdichtung eines Textes auf der Scheintür des Meni, ausgestellt im Raum „Jenseitsglaube“, der sich auf den Schutz des Grabes bezieht.

Zeitgenössische Kunst

Auf der großen Rasenfläche über dem Museum steht eine 4 Meter hohe Aluminium-Skulptur des holländischen Künstlers Henk Visch mit dem Titel „Present Continuous“. Sie zeigt eine vornübergebeugte menschliche Figur, die einen Gedankenstrahl (so die Interpretation des Künstlers) nach unten schickt. Dieser durchdringt das Erdreich in Form eines roten Plastikrohres, das dann wieder im Museum, im Raum „Kunst und Zeit“ aus der Decke ragend zu sehen ist.

Kunst am Bau Henk Visch© SMÄK, M. Franke

Blick in den Raum "KUnst und Zeit"© SMÄK, Marianne Franke

Der Besucher wird so durch die Plastik darauf aufmerksam gemacht, dass sich unter der Erdoberfläche die Gegenwart in die Vergangenheit hinein fortsetzt – hier ganz konkret durch die Objekte einer längst vergangenen Kultur in einem unterirdischen Museum. Seit einiger Zeit kann der Passant dies nachvollziehen, kann gewissermaßen dem Verlauf des Gedankenstrahls folgen über einen QR-Code, der auf einem kleinen Schild im Rasen zu sehen ist. Scannt er ihn auf seinem Handy ein, läuft ein kurzer Film ab: Die Erde reißt auf und gibt den Blick in das darunter liegende Museum frei…

Eine lange Treppe führt hinunter zum Licht, in den ersten der beiden Skulpturensäle. In großen weißen Neonbuchstaben leuchtet hoch an der Wand Maurizio Nannuccis Installation ALL ART HAS BEEN CONTEMPORARY. Dieses Werk des 1939 in Florenz geborenen italienischen Künstlers formuliert die letztlich banale Tatsache, dass Kunst immer schon irgendwann zeitgenössische Kunst war, weist aber auch darauf hin, dass Kunstwerke diese ihre Aktualität bewahren, so dass sie re-aktualisiert werden kann.
Zunächst vom Künstler in verschiedenen Farben und Formaten nicht für einen bestimmten Ort geschaffen, ist diese speziell für München modifizierte Arbeit heute für Maurizio Nannucci an ihrem idealen und endgültigen Standort angekommen. Wo sonst fände ihre Aussage eine so schlüssige Bestätigung wie angesichts der Skulpturen der Pharaonen?

Kunstinstallation Maurizio Nannucci "All Art has been Contemporary"© SMÄK, Marianne Franke

Maurizio Nannucci, durch seine Neonarbeiten auf der documenta und der Biennale Venedig sowie in zahlreichen Museen und der Bibliothek des Deutschen Bundestags weltweit bekannt geworden, ist auch in München kein Unbekannter. Seit vielen Jahren leuchtet von der Gartenfassade der Lenbachvilla an der Luisenstraße der blaue Schriftzug „You can imagine the opposite“. Der neue Standort des Staatlichen Museums Ägyptischer Kunst im Münchner Kunstareal, in unmittelbarer Nachbarschaft der Pinakotheken und des Lenbachhauses unterstreicht eine der Botschaften, die das Ägyptische Museum aussendet, die Aktualität der altägyptischen Kunst. Die Konzentration des Ausstellungskonzepts auf das Kunstschaffen der alten Niltalkulturen und die neue Präsentation der Sammlung integrieren die antike Kunst Ägyptens und des Sudan in das von den Nachbarmuseen gebotene breite Spektrum der Kunstgeschichte.

Maurizio Nannucci lädt mit ALL ART HAS BEEN CONTEMPORARY dazu ein, das Staatliche Museum Ägyptischer Kunst inmitten eines Museumskosmos, der sich von der Antike bis in die Gegenwart spannt, als Ort der Kunst zu erleben und in der Bildsprache der altägyptischen Künstler nicht nur nach Informationen über Geschichte, Kultur und Religion des Jahrtausende alten Pharaonenreiches zu suchen, sondern in ihren Skulpturen und Reliefs die unmittelbare Präsenz künstlerischer Kreativität zu entdecken.

Jahresbilanz 2019

Auf dem aufsteigenden Ast: So könnte man die Entwicklung der Besucherzahlen im vergangenen Jahr beschreiben. Das erste Mal seit dem Eröffnungsjahr 2013/2014 konnten wir über 100.000 Besucher in unserem Haus begrüßen. Was überaus erfreulich ist, zeigt es doch, dass auch sechs Jahre nach der Eröffnung das Interesse am Museum und seinen Veranstaltungen unverändert hoch ist.

Im Hinblick auf das Angebot bei Ferienprogrammen ist seit einigen Jahren ein geändertes Besucherverhalten zu beobachten: Früher wurden die Kinder ins Museum gebracht, sozusagen „abgeliefert“ und nach dem Ende der Veranstaltung wieder abgeholt – heute möchten die Eltern (oder andere Familienmitglieder) lieber gemeinsam mit den Kindern etwas unternehmen, etwas erleben. Darauf wurde mit einer entsprechenden Änderung im Programmangebot reagiert: Die Anzahl der sonntäglichen Familienführungen wurde von einer pro Monat auf zwei verdoppelt, außerdem sind nun in den Ferienprogrammen neben den Werkstattangeboten stets auch Führungen und Workshops für Familien enthalten. Und das Ergebnis rechtfertigt diese Entscheidung: Sämtliche Veranstaltungen für die ganze Familie werden lebhaft angenommen und sind gut besucht.

Vielleicht noch erwähnenswert: die Zahl der Mitarbeiter. Am Museum sind drei Ägyptologen in Vollzeit beschäftigt, dazu gibt es 3 Mitarbeiter (einmal Vollzeit, zweimal Teilzeit) für die Museumspädagogik, alle drei ebenfalls mit abgeschlossenem Studium der Ägyptologie. Dieses kleine Team wird ergänzt von rund 20 externen Kräften (junge Ägyptologen/fortgeschrittene Studenten), die den überwiegenden Teil der Führungen und Workshops für Schüler, die Kindergeburtstage sowie einen Teil der Erwachsenenführungen durchführen.

Spendenbox des Freundeskreises

Der jüngste „Neuzugang“ im Museum ist eine Spendenbox in Gestalt einer – aufgeschnittenen – Pyramide, finanziert vom Freundeskreis des Museums. Das Gangsystem im Inneren orientiert sich nicht unbedingt an altägyptischen Vorbildern, ermöglicht aber durch den Einwurf unterschiedlicher Münzen, verschiedene Wegsysteme und Geschwindigkeiten zu erzielen – ein Vorgang, der erfahrungsgemäß den Betrachter fasziniert und zu einem durchaus gewünschten „Suchtverhalten“ animiert…

Spendenbox des Freundeskreises© SMÄK, Marianne Franke