Museumskonzept

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Ausstellungskonzept

Die grundsätzlichen Vorgaben für die Dauerausstellung waren von Seiten des Museums bereits als Grundlage für den Architekturwettbewerb geliefert worden: Anzahl der Räume mit ungefährer Angabe der jeweiligen Fläche sowie der Wunsch nach Räumen unterschiedlicher Höhe, um so neben den repräsentativen Hallen für die Rundplastik auch intime Räume für die Kleinkunst oder die Papyri und Schriftdenkmäler zu erhalten. Diese Anforderungen löste der Architekt Peter Böhm, indem er unter der großen Eingangstreppe eine Reihe von acht kleineren Räumen anordnete, die entsprechend unterschiedliche Höhen und verschiedene Raumzuschnitte aufweisen.

Auch die Gesamtzahl der Räume war vorgegeben worden, entsprechend der Anzahl der Themen, die im Rundgang angesprochen werden sollten. Denn dies ist der entscheidende Punkt im Konzept der Dauerausstellung: Sie ist nicht chronologisch aufgebaut wie die meisten ägyptischen Museen, sondern thematisch, orientiert an den Beständen des Museums, nicht an einem theoretischen Konzept im Hinblick auf die altägyptische Kultur.
Dieser Ansatz ergibt sich zunächst aus der langjährigen Beobachtung des Besucherverhaltens.

Die Besucher halten sich normalerweise am längsten im ersten Raum auf: Hier wird jedes Objekt betrachtet, jeder Text gelesen. Bei einer chronologischen Anordnung der Exponate beginnt der Rundgang in der ägyptischen Vorgeschichte, im 4. Jahrtausend v. Chr. Eine hochinteressante Epoche, aus der auch das Münchner Museum über eine große Anzahl qualitätvoller Stücke verfügt – aber dies ist doch eher etwas für Spezialisten, es handelt sich überwiegend um Feuersteingeräte und Gefäße aus Keramik und Stein, die nicht unbedingt als „typisch ägyptisch“ erkannt werden.

Da die für einen Museumsbesuch eingeplante Zeit jedoch relativ konstant ist – im SMÄK liegt sie bei eineinhalb bis zwei Stunden durchschnittlich – , fehlt dann im weiteren Verlauf des Rundgangs entsprechend die Zeit für die Schwerpunkte des Museums und die für das Verständnis der altägyptischen Kultur relevanteren Themen. Bei einem chronologisch angelegten Rundgang ergibt sich darüber hinaus eine häufige Wiederholung von Themen: Kunst und Religion, Jenseitsglaube, Alltagsleben oder Schrift, um nur einige zu nennen, spielen in jeder Epoche eine Rolle – dementsprechend finden sich immer wieder aufs Neue Statuen und Götterbilder, Särge und Objekte des täglichen Lebens oder Schriftzeugnisse, und auch die dazugehörigen Erklärungen sind häufig redundant.

Dies merkt man vor allem dann, wenn man selbst Besucher durch eine solche Ausstellung führt – man ertappt sich dabei, dann auch immer die Grundlageninformationen zu wiederholen. Und dabei ständig auf schon Gesehenes und demnächst zu Sehende zu verweisen – für den Laien eher verwirrend. In einem thematisch aufgebauten Rundgang kann man dagegen ein Thema gründlich und inhaltlich erschöpfend behandeln, um dann zum nächsten fortzuschreiten. Dies bringt auch den Vorteil, dass man sehr viel mehr an Inhalten vermitteln kann – und der Zuhörer sich deutlich mehr merken kann.

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Eine weitere Anforderung bezog sich auf eine klare Führungslinie – die Räume sollten so angeordnet sein, dass ein Rundgang ohne doppelte Wege oder Sackgassen möglich – aber nicht unbedingt zwingend ist. Letzteres ergibt sich von selbst durch die schon angesprochenen Durchblicke und „offenen Ecken“ – so kann etwa ein Besucher, der sich für einen bestimmten Raum oder ein bestimmtes Objekt interessiert, rasch vor Ort kommen und muss nicht alles abarbeiten. Auch Schulklassen, die meist thematische Führungen erhalten, gelangen so ohne ablenkende Umwege rasch zum Zielraum – nicht unwichtig, da sie meist eine knappe Zeitvorgabe haben.

Andererseits kann sich der Besucher, der zum ersten Mal das Museum besucht, darauf verlassen, dass er nichts verpasst, wenn er sich der Leitlinie anvertraut – worauf er vom Aufsichtspersonal beim Betreten der Dauerausstellung aufmerksam gemacht wird. Außerdem wird ihm mit der Eintrittskarte ein kleiner Faltprospekt angeboten, der einen kommentierten Grundriss der Ausstellungsräume enthält.
Die Führungslinie ist nicht nur eine gedachte oder im Grundriss eingezeichnete Linie, sondern, eine erhabene Leiste auf dem Boden, die damit auch Blinden als Orientierung dienen kann. Sie besteht aus Tombak, einer sehr strapazierfähigen und stark kupferhaltigen Messinglegierung, die überall dort im Museum auftaucht, wo es um Information geht: Sämtliche Beschriftungsschilder sind aus diesem Material, die Buchstaben der Raumbenennung, Hinweispfeile, die Unterbauten der Medienstationen, ebenso die Auflagen der Kassentheke oder auch sämtliche Türen im Foyerbereich einschließlich der Eingangstür.

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Raum „Kunst und Form“

Die thematische Gliederung der Raumfolge beginnt mit der bereits im Museumsnamen programmatisch angesprochenen Kunst in den beiden ersten großen Hallen. Hier finden sich demzufolge auch viele Hauptwerke des Museums. Da die dreidimensionale Darstellung, die Rundplastik, im alten Ägypten das vornehmste Medium künstlerischen Schaffens bildet, folgt die Auswahl der Statuen im ersten Raum den Prinzipien einer kunsthistorischen Beschreibung einer Skulptur. An deren Anfang steht der formale Aufbau oder anders formuliert, die Benennung des Statuentyps. Die beiden wichtigsten Statuentypen sind die Stand-Schreitfigur und die Sitzfigur, die dementsprechend den Auftakt bilden, gefolgt von Würfelstatue, Hock- und Kniefigur.

Zwei Gruppenstatuen von Mann und Frau bilden den Übergang zur Ikonographie, der Angabe verschiedener Elemente in Kleidung, Haartracht und sonstigen Attributen. Hier wird auch der Unterschied königlicher und nichtköniglicher Darstellung deutlich und der Sphinx als Erscheinungsform des göttlichen Aspekts des Königs vorgestellt.

Es folgen stilistische Merkmale wie etwa die Unterscheidung von Alters- und Jugendbildnis, die Spannung zwischen Tradition und Innovation oder der Wechsel von idealisierender zu porträthafter Darstellung – große Themen der ägyptischen Kunst.

Am Ende schließlich steht das Tierbildnis, das als Erscheinungsform des Göttlichen in Ägypten über die Jahrtausende hinweg eine wichtige Rolle gespielt hat.

Als Auftakt wurde die lebensgroße Stand-Schreitfigur des Gottes Horus gewählt. Sie zeigt nicht nur den bekanntesten Statuentyp, der auch Eingang in die Popmusik gefunden hat („Walk like an Egyptian“), sondern als Mischwesen aus Menschenkörper und Tier- (hier Vogel-)Kopf auch für den Laien „typisch ägyptisch“ wirkt: So ist der Besucher mit dem allerersten Objekt des Rundgangs bereits angekommen im alten Ägypten.

Stand-Schreit-Figur des Horus© SMÄK, Marianne Franke

Blick in Raum Kunst und Zeit© SMÄK, M. Franke

Raum „Kunst und Zeit“

Nachdem der Besucher im ersten Raum die Grundlagen der altägyptischen Kunst kennengelernt hat, folgt im zweiten Raum, dem größten des Museums, ein chronologischer Gang durch die ägyptische Kunstgeschichte, beginnend in der Vorgeschichte bis in die römische Kaiserzeit, also über einen Zeitraum von rund vier Jahrtausenden.

Bei der Präsentation der rundplastischen Werke wurde, wie schon im ersten Raum, besonders darauf geachtet, dass sie nach Möglichkeit von allen vier Seiten zugänglich und auch entsprechend ausgeleuchtet sind.

Raum „Obelisk“

Der Münchner Obelisk stammt aus dem kaiserzeitlichen Rom, schließt also historisch unmittelbar an die ägyptisierende Statuengruppe aus der Hadriansvilla an, die den Abschluss des Raumes „Kunst und Zeit“ bildet. Augustus hatte die ersten Obelisken aus Ägypten kommen und als Monumente des Sieges über das unterworfene Land im Circus Maximus aufstellen lassen. Später wurden die Obelisken zur Ausstattung ägyptischer Heiligtümer verwendet, und als der Nachschub aus Ägypten stockte, begann man, in Rom selbst Obelisken herzustellen.

Die Inschrift dieses Obelisken nennt einen Titus Sextius Africanus, der im Jahr 59 n. Chr.  Präfekt in Ägypten war; sein genauer Aufstellungsort im antiken Rom ist nicht bekannt. Um 1775 war er in der Villa Albani aufgestellt, nachdem zuvor der Bildhauer Paolo Cavaceppi das antike Mittelstück oben und unten ergänzt hatte. Von Napoleon als Beute seines Italienfeldzuges 1797 nach Paris gebracht, wurde er dort Teil eines Denkmales auf der Place des Victoires für General Desaix. 1815 erwarb der spätere bayerische König Ludwig I. noch als Kronprinz den Obelisken, der dann im Ägyptischen Saal der Glyptothek ab 1830 bis zum 2. Weltkrieg eine neue Aufstellung fand; von 1972 bis 2007 markierte er den Eingang zum früheren Standort des Museums in der Münchner Residenz.

Münchner Obelisk© SMÄK, Marianne Franke

Ursprünglich sollte er auch am neuen Standort vor dem Museum stehen, doch eine Untersuchung seines Materials führte zu dem Ergebnis, dass ihm ein weiterer Verbleib im Freien nicht zugemutet werden kann, zu stark hatte die Oberfläche unter Witterungs- und Umwelteinflüssen gelitten.

So musste noch ein wenig umgeplant werden – glücklicherweise passt der Obelisk von der Höhe her in die Museumsräume, und so wurde er über eine offen belassene „Luke“ im Dach des Gebäudes als erstes Objekt in die noch im Ausbau befindlichen Museumsräume eingebracht.

Ansicht Raum "Pharao"© SMÄK, Marianne Franke

Raum „Pharao“

Nachdem der Besucher in den beiden größten Räumen des Museums die altägyptische Kunst – und damit gleichzeitig eine große Anzahl herausragender Objekte – kennengelernt hat, beginnt nun nach dem Zwischenspiel des Obelisken die Folge von Räumen, die jeweils ein zentrales Thema der ägyptischen Kulturgeschichte aufgreifen. Der nun folgende Raum trägt den Titel „Pharao“, der die Grundlagen des ägyptischen Königtums anhand von Originalobjekten erläutert. Im Mittelpunkt steht die überlebensgroße Büste von Ramses II. mit Königskopftuch und Krummstab mit Wedel in den Händen als Inkarnation der Bezeichnung „Pharao“.

Nach dem ägyptischen Königsdogma von einem göttlichen Vater gezeugt und von einer irdischen Mutter geboren, ist dem ägyptischen König eine Doppelnatur zu eigen, er ist Menschenkind und Gottessohn zugleich. Dies kommt in den verschiedenen Bezeichnungen für den Herrscher zum Ausdruck, die ihn einerseits als Vertreter des Königtums, andererseits als historisch einmalige Persönlichkeit kennzeichnen.

Sein göttliches Wesen befähigt ihn als einzigen Menschen, – wie in den Tempelreliefs dargestellt – im täglichen Kultbildritual im Allerheiligsten der Tempel in unmittelbaren Kontakt zu den Göttern zu treten. Als Hoherpriester jeden Tempels versorgt er die Götter mit Opfergaben, im Gegenzug erhält er stellvertretend den Lebensatem für die Menschheit.

Er ist die lebende Verkörperung des Himmelsgottes Horus auf Erden und wird nach seinem Tod eins mit Osiris, dem Herrscher über das Jenseits und Gott der Auferstehung.

Pharao, das „große Haus“, ist der Garant der Maat, der göttlichen Weltordnung auf Erden. Als „Herr der Welt“ bezwingt er die Fremdländer und herrscht über Ägypten, dessen beide Teile Ober- und Unterägypten er durch seine Thronbesteigung stets aufs Neue vereint.

Raum „Fünf Jahrtausende“

Nach einer provisorischen Einrichtung zur Eröffnung des Museums (die Mittel für die Erstausstattung fehlten) konnte der Raum „Fünf Jahrtausende“ 2018 endlich realisiert werden.

Auf siebzehn (!) Metern Länge (was im Übrigen der Höhe der Portalwand entspricht) erzählen  rund 750 Objekte, chronologisch angeordnet, fünf Jahrtausende ägyptischer Geschichte, von 4000 v. Chr. bis 1000 n. Chr., also von der Vorgeschichte und Frühzeit über die „großen“ Epochen von Altem, Mittlerem und Neuem Reich über die Spätzeit, griechische und römische Epoche bis in die zunehmend koptisch geprägte Spätantike mit einem Ausblick in die islamische Zeit. Um die Zahlenspielerei noch etwas fortzuführen: Für jedes Jahrtausend stehen rund 3,5 laufende Meter in der Vitrine zur Verfügung.

Ansicht Raum "Fünf Jahrtausende"© SMÄK

Die Grundidee liegt darin, aus möglichst jeder Epoche charakteristische Objekte in einer Zusammenschau zu zeigen, basierend auf den Objektgruppen Reliefs – Stelen und Wandreliefs aus Gräbern und Tempeln, Särge und weitere Grabausstattung und – ganz wichtig – Keramik. Nahezu jedes ägyptische Museum hat überreiche Magazinbestände mit hunderten, ja tausenden von Gefäßen – gezeigt wird davon so gut wie nichts. In der neuen Großvitrine werden all diese Objektgruppen in gestaffelter Aufstellung präsentiert: Im Hintergrund die Reliefs, dazwischen die Särge, vorne, in Sand gestellt, die Keramik.
Dazwischen gibt es eine „Highlight-Ebene“ für Statuen und andere herausragende Stücke, wobei die Statuen in der Gesamtschau ausnahmsweise keine Hauptrolle spielen – diese nehmen sie ja bereits in den ersten beiden großen Museumsräumen „Kunst und Form“ sowie „Kunst und Zeit“ ein.

Trotzdem ist die Rundplastik in allen Epochen vertreten – mit Exponaten, die zum überwiegenden Teil bislang Magazinbestand waren, selten oder nie ausgestellt, ergänzt um einige gezielte Neuerwerbungen der vergangenen Jahre. Andere Objektgruppen tauchen dort auf, wo sie historisch eine wichtige Rolle spielen: ein Krummschwert in der Zweiten Zwischenzeit, als die Fremdherrschaft der Hyksos neue Waffen und Technologien ins Land brachte, Glasgefäße in der 18. Dynastie, als dieses neue Material aus Vorderasien ins Land kam, Mumienporträts der römischen Epoche, die auf neue Bestattungssitten der neuen Herren des Landes verweisen.
Mit zahlreichen Objekten wird nun auch die Epoche der Vorgeschichte, bislang nur in einigen herausragenden Stücken vertreten, angemessen dargestellt.

Unter den Exponaten dieser Zeit befinden sich auch zahlreiche Stücke aus der Münchner Ostdeltagrabung in Minshat Abu Omar, die im Rahmen zweier Fundteilungen ihren Weg nach München fanden. Aus diesem umfangreichen Komplex sind zusätzlich, am entgegengesetzten Ende der Vitrine, Fundstücke aus der späten Belegung dieser Nekropole in der griechisch-römischen Zeit zu sehen, die bislang lediglich vereinzelt im Kontext von Sonderausstellungen zu sehen gewesen waren. Einige Objekte aus der frühislamischen Zeit deuten die weitere Geschichte Ägyptens an.

Die Gesamtschau dieser hunderte von Objekten wird nicht durch Beschriftungsschilder beeinträchtigt, die sich auch technisch gar nicht umsetzen ließen. Die Erschließung der Stücke erfolgt über drei Medienstationen, über die der Besucher Informationen zu jedem Exponat aufrufen kann. Zwei weitere Medienstationen erläutern historische Abläufe und Zusammenhänge und stellen die wichtigsten Baudenkmäler des Landes vor.

Blick in Raum Jenseits© SMÄK, M. Franke

Raum „Jenseitsglaube“

Aus dem Raum „Fünf Jahrtausende“ hat der Besucher einen Blick auf eine großformatige Scheintür, eine Modelltür, die im ägyptischen Grab des Alten Reiches den Übergang vom Diesseits zum Jenseits markiert. Betritt er dann den Raum „Jenseitsglaube“, überrascht ihn zunächst eine völlig andere Atmosphäre, die durch eine andere Beleuchtung erzeugt wird: Dem Thema entsprechend ist es hier dunkler als in den vorangegangenen Räumen, die Objekte in den Wandvitrinen werden durch für den Betrachter unsichtbare Lampen erleuchtet, das zentrale Objekt der überlebensgroßen Sargmaske einer ägyptischen Königin schimmert golden.

Zum Auftakt wird im Raumtext auf ein weitverbreitetes Missverständnis in der Darstellung altägyptischen Jenseitsglaubens in populären Darstellungen von Altägypten eingegangen:


„Der in der Religion Altägyptens tief verwurzelte Glaube an die Überwindung des Todes, an die Auferstehung und an ein jenseitiges Leben ist mit Begriffen wie Totenglaube und Totenkult völlig unzutreffend beschrieben.

In den Jenseitsführern, die ins Innere der Särge, auf die Wände der Gräber oder auf Papyrus geschrieben und gemalt wurden, steht die Sonne als Inbegriff des ewigen Kreislaufs des Lebens im Mittelpunkt. Auf dem Weg zum ewigen Leben durchquert der Verstorbene, wenn er die Prüfung durch das Jenseitsgericht bestanden hat, die von der Nachtsonne erhellte Unterwelt und wird mit dem Sonnenaufgang neu geboren. Nicht ein finsteres Totenreich erwartet ihn, sondern das Gefilde der Seligen unter der ewig strahlenden Sonne.“

Dann werden die wichtigsten Elemente der Grabausstattung vorgestellt: Statuen, Reliefs und Scheintür, Nahrungsmittel und Keramik zur Versorgung des Verstorbenen. Die Rekonstruktion eines vorgeschichtlichen Grabes gibt die Möglichkeit, auf die Anfänge des Jenseitsglaubens zu verweisen und ein Grabinventar dieser Epoche vollständig zu zeigen. Da alle diese Gegenstände aus einer Grabung des Museums in den 70er Jahren stammen und im Rahmen einer Fundteilung mit der Ägyptischen Altertümerverwaltung nach München gekommen sind, ergibt sich außerdem noch die Gelegenheit, auf die Herkunft dieser – und zahlreicher anderer – Museumsobjekte hinzuweisen, eine Frage, die mehr und mehr Besucher interessiert.
Schließlich folgen – in chronologischer Aufstellung innerhalb der Objektgruppen – Grabstelen, Uschebtis und Särge, am Ende stehen die Kartonage- und Stuckmasken sowie die Mumienporträts der römischen Zeit. Die Präsentation eines 9 Meter langen Totenbuchpapyrus und Kleinobjekte unter dem Oberbegriff „Auf der Mumie“ vervollständigen die Auswahl der Grabbeigaben.
Zwischen den Mumienporträts hat auch die Münchner Kindermumie aus der Römerzeit mit integriertem Porträt ihre Aufstellung gefunden – als einzige der Mumien überhaupt, da das Museum aus ethischen Gründen auf die Zurschaustellung toter Menschen verzichtet.

Ein Text in der Sargvitrine erläutert dem Besucher diese Entscheidung, die akzeptiert wird – im Gegensatz zu früher hat es noch keine Beschwerde über das Fehlen von Mumien gegeben! Unter der Überschrift „Mumien-Tabu“ heißt es: „Der Umgang mit Mumien muss sich an der Haltung der alten Ägypter zu den Verstorbenen orientieren. Der physische Tod und die Behandlung des Körpers des Verstorbenen unterliegen im alten Ägypten einem strengen Tabu. Der Tod eines Menschen spiegelt sich in der Bilderwelt der Gräber in den Darstellungen der trauernden Hinterbliebenen und der Bestattungsriten. Der Leichnam selbst bleibt unsichtbar; er erscheint erst in der transformierten Gestalt des kunstvoll in Binden gehüllten Körpers, dem die Maske mit goldenem Gesicht aufgesetzt ist, also als Verklärter, der eine neue, ewige Wesenheit angenommen hat. In den meisten Bestattungsdarstellungen ersetzt der Sarg das Bild der gewickelten Mumie. Nur die Leichname derjenigen werden bildlich dargestellt, denen ein ewiges Leben verwehrt bleibt: im Jenseitsgericht gescheiterte Sünder sowie politische und magische Feinde. Unter diesem Aspekt betrachtet ist die Zurschaustellung des Leichnams eines alten Ägypters gleichbedeutend mit dessen Verdammnis.
Es sollte daher selbstverständlich sein, diese Scheu des alten Ägypters vor dem toten Körper zu respektieren.“

Ansicht Raum "Religion"© SMÄK, Marianne Franke

Raum „Religion“

Das Thema „Religion“, vordergründig durch Objekte einfach darzustellen, erweist sich bei näherem Hinschauen als komplizierte Aufgabenstellung. Welche Informationen können altägyptische Originale vermitteln? Sicher ist das Medium der Ausstellung zur Erklärung theologischer Konzepte oder Kosmogenien nur bedingt geeignet. Hingegen können Götterfiguren aus Bronze und Fayence oder Reliefs mit Götterdarstellungen eine Vorstellung von der nahezu unendlichen Vielfalt der Erscheinungsformen des Göttlichen vermitteln und einige grundlegende Prinzipien der Ordnung im ägyptischen Pantheon erläutern.

Diesen beiden Themen ist die erste Hälfte des Raumes „Religion“ gewidmet, den Darstellungen Gottes als Mensch, Tier und Mischwesen als künstlerisches Konzept, denn es war die vornehmste Aufgabe des Künstlers, Gott im Bild zu fassen – eine Unmöglichkeit, die in der Mischgestalt aus Mensch und Tier ihren bildlichen Ausdruck fand. Die vielen Gestalten, die einem einzigen Gottesnamen zugeordnet werden können, sind Ausdruck der Vielschichtigkeit der Gotteserfahrung, die in einer einzigen Erscheinungsform völlig unzureichend gefasst wäre. Letztendlich verkörpern alle Namen und Gestalten die Manifestation des Göttlichen.

Der altägyptischen Religion wohnt ein latenter Monotheismus inne, den Echnaton in der kurzen Phase seiner Regierungszeit (1350-1333 v. Chr.) zur ersten monotheistischen Religion in der Geschichte verdichtet hat.
„Eine Gestalt, viele Namen“ und das entgegengesetzte Prinzip „Ein Name, viele Gestalten“ wird ebenso mit Hilfe verschiedenster Objekte veranschaulicht wie diverse Ordnungsprinzipien der ägyptischen Götterwelt: die soziale Ordnung der Kleinfamilie, die topographische Ordnung der Lokalgottheiten oder die numerische Ordnung in der Zusammenstellung bestimmter Gruppen von Göttern.

Das zentrale Denkmal in der Mitte des Raumes ist die silberne Kultstatue einer falkengestaltigen Gottheit, deren freistehende Vitrine gleichsam den Schrein im Allerheiligsten des Tempels verkörpert. Darum herum gruppieren sich Darstellungen des betenden oder opfernden Königs, der als Hoherpriester jeden Tempels als einziger vor die Gottheit treten durfte – in der Praxis ersetzt durch die jeweiligen Priester, die hier ebenfalls in Statuen und Statuetten, ergänzt um Kultgeräte, anwesend sind.

Als weitere Themen in diesem Raum werden der Tierkult, die Magie und die sogenannte „Persönliche Frömmigkeit“ veranschaulicht. Zwei lebensgroße Statuenköpfe von Isis und Osiris leiten über in den nächsten Raum.

Ansicht Raum "Ägypten in Rom"© SMÄK, Marianne Franke

Ansicht Raum "Ägypten in Rom"© SMÄK, Marianne Franke

Raum „Ägypten in Rom“

Als Folge der Niederlage der vereinigten Flotten der ägyptischen Königin Kleopatra und des römischen Feldherrn Marc Anton gegen Octavian, den späteren Augustus, in der Seeschlacht von Actium im Jahr 31 v. Chr. wird Ägypten zwar zur Provinz und damit zur Kornkammer des Römischen Reiches. Doch in der Folge beginnt ein Siegeszug altägyptischer Traditionen bis an die Grenzen dieses Imperiums, ein Triumph vor allem der ägyptischen Götter, allen voran der zur Universalgöttin gewordenen Isis und ihres Kultgenossen Serapis.

Zunächst in den Hafenstädten, entstehen an vielen Orten zahlreiche Heiligtümer für den Kult ägyptischer Götter, deren bedeutendstes, das Iseum Campense, im Zentrum Roms auf dem Marsfeld lag. Zur Ausstattung dieser Tempel werden Obelisken und Statuen aus Ägypten geholt, und als der Nachschub nicht mehr ausreicht, beginnt man, Denkmäler nach ägyptischem Vorbild zu produzieren. Ägypten kommt in Mode, auch in Privathäusern und Gräbern finden sich Wandmalereien und Mosaiken mit ägyptisierenden Motiven.

Es sind diese Monumente in Rom, die in der Neuzeit seit dem 16. Jahrhundert den entscheidenden Anstoß zur Wiederentdeckung der altägyptischen Kultur gegeben haben.
München verfügt außerhalb Italiens über die wichtigste und umfangreichste Sammlung derartiger Objekte – vom Obelisken über die überlebens- und lebensgroßen Statuen aus der Villa Adriana bis hin zu zahlreichen kleinformatigen Götterfiguren, die hier in diesem Raum präsentiert werden. Highlight-Objekt ist eine silberne Situla aus dem Isis-Heiligtum in Pompeji.