Museumskonzept

Der Wettbewerb für die Hochschule für Fernsehen und Film

Um den Medienstandort München zu stärken, sollte die Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) einen Neubau erhalten, die seinerzeit in der Nähe des Ostbahnhofs, in einer ehemaligen Bettfedernfabrik fernab des Zentrums untergebracht war und aus allen Nähten platzte. Durch die Verlagerung zahlreicher Institute der Technischen Universität (TU) aus der Innenstadt auf den Campus nach Garching im Norden Münchens stand das sogenannte Süd-Ost-Gelände der TU gegenüber der Alten Pinakothek zur Verfügung – die in den 60-er Jahren errichteten Gebäude mussten wegen Asbestverseuchung abgerissen werden.

Das dadurch frei werdende Grundstück im Besitz des Freistaats Bayern sollte einer kulturellen Nutzung zugeführt werden, war aber zu groß für die HFF allein. So kam das Ägyptische Museum ins Spiel – allerdings sah der 2005 ausgeschriebene Wettbewerb zunächst nur einen Neubau für die HFF vor, das Museum sollte in einem zweiten Bauabschnitt entstehen. Dennoch wurde das Museum aufgefordert, eine erste Planung vorzulegen unter Angabe von Raumnutzungen und Quadratmeterzahlen. Der letzte Satz des eingereichten Papiers lautete: „Es ist vorstellbar, dass die Räume des Museums zumindest teilweise unterirdisch liegen.“ Da aber für den Wettbewerb nur die prinzipielle Anordnung von HFF und Museum nachgewiesen werden musste, keine Detailplanung für letzteres, beteiligten sich – von wenigen Ausnahmen abgesehen – keine der „großen“ Museumsarchitekten, weil sie alle auf den zweiten Wettbewerb ausschließlich für das Museum warten wollten.

Gewonnen hat den Wettbewerb Peter Böhm, der aus einer in Deutschland berühmten Architektenfamilie stammt: Der Großvater Dominikus war ebenso wie der Vater Gottfried Böhm ein bekannter Kirchenbauer, die Mutter Elisabeth war Architektin, die Brüder Paul und Stephan sind Architekten.

Während die meisten anderen Entwürfe Hochschule und Museum auf zwei Baukörper verteilten, die entweder nebeneinander an der Gabelsbergerstraße oder hintereinander platziert waren, wobei sich die Variationen auf Museum rechts – Hochschule links und andersherum oder Hochschule vorne oder hinten beschränkten, sah der Entwurf von Peter Böhm für die Hochschule einen langgestreckten Bau in den Proportionen der gegenüberliegenden Alten Pinakothek vor – und verortete das Museum unterhalb der Freifläche vor der HFF, nach außen hin sichtbar lediglich durch eine 17 Meter hohe, monolithisch wirkende (Beton-)Wand, in der sich der Museumseingang findet  Ein Teil der Museumsräume liegt unterhalb der großen Freitreppe, die zu diesem Eingang hinabführt.

Die Ausstellungsräume – 1800 qm für die Dauerausstellung und 800 qm als Sonderausstellungsfläche – liegen komplett unterirdisch. Mit einem Teil seiner funktionalen Räume –  Lager, Magazin – unterquert das Museum dann die Hochschule und setzt sich hinter dieser in einem zweistöckigen, freistehenden würfelförmigen Bau fort, in dem dann Bibliothek, Restaurierung und Verwaltung untergebracht sind, die alle über Tageslicht verfügen.

Diese Verschränkung von Museum und Hochschule führte letztendlich dazu, dass HFF und Museum gleichzeitig errichtet wurden, das Museum also nicht in einen zweiten Bauabschnitt verschoben wurde – und es keinen weiteren Wettbewerb nur für das Museum mehr gab bzw. geben musste.

© Kunstareal

Das Museum im Kunstareal

Der Museumsneubau liegt in der Maxvorstadt inmitten des Kunstareals, das seit einigen Jahren als Marke aufgebaut wird, vergleichbar dem Kunstquartier in Wien oder der Museumsinsel in Berlin. Im Gegensatz zu diesen beiden liegen in dem gedachten Rechteck des Kunstareals jedoch nicht nur Museen – Kunstmuseen ebenso wie naturwissenschaftliche Sammlungen – , sondern zahlreiche Hochschulen, Schulen und andere Bildungseinrichtungen, kulturelle Institutionen, Galerien und – ganz entscheidend – auch gewachsene Wohnquartiere. Im Kunstareal bewegen sich also nicht nur Museumsbesucher, hier leben, lernen, studieren und arbeiten auch Tausende von Menschen. Das Kunstareal wird also nicht nur überwiegend von Touristen besucht, sondern ist ein natürlich gewachsenes Münchner Quartier.

Im Kunstareal liegen am Königsplatz die beiden von Ludwig I. beauftragen Museen für die Kunst der klassischen Antike, Glyptothek (Leo von Klenze) und Antikensammlungen (Georg Friedrich Ziebland), das Lenbachhaus, einst Villa des Malerfürsten Lenbach (Gabriel von Seidl), mit einem Erweiterungsbau von Norman Foster (eröffnet Mai 2013), die Alte Pinakothek (ebenfalls von Leo von Klenze im Auftrag von Ludwig I. entworfen, eröffnet 1836), die Neue Pinakothek (Neubau von Alexander von Branca, eröffnet 1981, nachdem der ursprüngliche Bau von Friedrich Gärtner im 2. Weltkrieg zerstört worden war), das Museum Brandhorst für zeitgenössische Kunst (Sauerbruch Hutton), die Pinakothek der Moderne mit Ausstellungsräumen für die Neue Sammlung (Design), Architekturmuseum, Graphische Sammlung und Staatsgemäldesammlung (Stefan Braunfels), eröffnet 2002, sowie das 2015 fertiggestellte NS-Dokumentationszentrum (nach Plänen von Georg Scheel Wetzel Architekten).

© SMÄK

Eine breite Freitreppe Stufen führt hinunter zum Fuß der 17 Meter hohen Portalwand, in deren Mitte der Eingang zum Museum liegt. Über der Tür zieht sich eine schachtartige Vertiefung bis zu etwa einem Drittel der Gesamthöhe nach oben, die sich dadurch ergibt, dass die Portalwand unten eine größere Tiefe aufweist als oben, sie verjüngt sich also stetig. Dies und ihre Monumentalität erinnern an das Eingangstor eines altägyptischen Tempels, an einen Pylon. Es bleibt jedoch bei der Assoziation, denn die Unterschiede sind deutlich: Es fehlen die seitlich geböschten Wände, die Verdickung der Kanten durch den Rundstab sowie die aufgesetzte Hohlkehle. Und statt zweier „Türme“, zwischen denen das Eingangsportal liegt, gibt es lediglich eine hohe Wand als monumentale Rahmung der Tür.

Es bleibt also – ganz bewusst – ein Spiel mit Assoziationen, es handelt sich nicht um ägyptisierende Architektur. Übrigens hat die Portalwand neben der Eingangs- noch eine weitere Funktion: Sie nimmt die beiden Fahrstühle auf, die den barrierefreien Zugang zum Museums ermöglichen. Zugänglich von der Rückseite der Portalwand führt der erste Fahrstuhl – in ihrem rechten Teil gelegen – vom Straßenniveau hinunter auf die Ebene -1, auf der sich der Eingangsbereich des Museums mit Kasse und Garderobe befinden. Der zweite Fahrstuhl – links gelegen – führt dann hinunter auf die Ebene -2 mit den Ausstellungsräumen. Damit wird sowohl der direkte Zugang des Außenklimas als auch der Besucher zu den Ausstellungsräumen verhindert, sie werden durch den Fahrstuhl direkt zur Kasse geleitet.

© SMÄK

Eigentlich unübersehbar, dieser Zugang zum Museum – und zusätzlich markiert durch einen 4 Meter langen, beleuchteten Schaukasten mit Museumsnamen und technischen Informationen, hinter dem zusätzlich drei Fahnenmasten stehen, ständig bestückt mit wechselnden Motiven aus dem Museum.

© SMÄK

Ein monumentalerer Eingang zum Museum ist kaum denkbar, doch alle Monumentalität half nichts: Viele Besucher hatten Probleme, den Eingang zum Museum zu finden: zu ungewohnt der Eingang, zu dem hinabgestiegen werden muss statt hinauf. Es hagelte Reklamationen, Beschwerden über mangelnde Hinweise, Anrufe erboster potentieller Besucher, denen allen eins gemeinsam war: Sie konnten die Sprache der Architektur ohne zusätzliche Hinweise nicht (mehr) lesen.

Wozu soll denn eine Treppe dienen, wenn nicht zur Hinführung auf eine andere Ebene, zur Erschließung eines anderen Niveaus? Wäre Howard Carter, als er im November 1922 auf eine Stufe im Geröll der Steine im „Tal der Könige“ stieß, nicht davon überzeugt gewesen, dass eine Stufe den Beginn einer Treppe darstellt, und hätte er nicht darauf gesetzt, dass eine Treppe funktionalen Charakter besitzt und irgendwo hinführen muss – das Grab des Tutanchamun mit all seinen Schätzen wäre nie gefunden worden…

© SMÄK, Marianne Franke

Die Hoffnung auf eine Besserung der Situation – „Es wird sich herumsprechen, wo der Eingang zum Museum liegt!“ – erwies sich als trügerisch. Und so half alles nichts: Es musste nachgebessert werden. Nach etlichen Diskussionen fiel die Wahl auf eine Stele, die in ihrer Materialität und Optik – schwarzer Stahl – an die Gestaltung des Leuchtkastens anschließt und oben mittig über der Freitreppe steht. Neben dem Namen des Museums und dem abermaligen Hinweis auf den barrierefreien Zugang trägt sie beidseitig das Symbol für „Treppe“ samt entsprechendem Pfeil – banal, aber hilfreich: Die Beschwerden herumirrender Besucher tendieren gegen Null!