In den vergangenen Jahren hat sich die Münchner Künstlerin Marlies Poss in ihren Arbeiten immer wieder mit dem Thema „Tier" auseinandergesetzt – in ironisch-humorvoller, aber auch in kritischer Form. So betrachtet das Rudel der „Hunde" auf einem Monitor eine Gruppe von Schweinen, streckt sich eine Kobra zur „Schlangenstele" und purzeln die Ferkel im „Schweinestall" durcheinander – aber die abgezogenen Felle der „Pferdeleiber" oder die leeren Hüllen der „Frösche" künden auch vom Leid der Kreatur im Interesse des Menschen.

Die christliche Tradition hat in ihrer anthropozentrischen Weltsicht und ihrem Misstrauen gegenüber dem „Animalischen" die Tierwelt häufig gering geachtet: „Der Christ liebt die Tiere nicht mehr" (B.Brecht, Baal). Die Isolierung des Unterwerfungsbefehls im 1. Buch Moses vom biblischen Kontext und die daraus folgende fehlerhafte Interpretation ließ die Fauna zum Freiwild der Menschheit werden: „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan ..." (Genesis 1,28). So konnten die Tiere in der abendländisch-christlichen Kultur zu Objekten menschlicher Herrschaft, Ausbeutung und Ausrottung werden, worüber auch ihre teilweise Romantisierung, Vermenschlichung und Verhätschelung nicht hinwegtäuschen können.

Aus der Sphäre des Göttlichen wurden die Tiere in der westlichen Welt nahezu vollständig verbannt. Im alten Ägypten hingegen war das Tier – oder das Mischwesen aus Tier und Mensch – eine Erscheinungsform des Göttlichen; das Wesen des Tieres, seine Eigenschaften dienten zur Veranschaulichung der differenzierten Aspekte der Götter. Zwei Ausstellungen des Ägyptischen Museums München in diesem Jahr befassen sich mit dem Thema Tier:

„Gejagt und vergöttlicht – das Tier im alten Ägypten"
im Zweigmuseum Schloß Seefeld und

„Im Schatten deiner Flügel – Tiere in der Bibel und im alten Orient"

im Stammhaus des Staatlichen Museums Ägyptischer Kunst, Residenz München.Die Installationen von Marlies Poss werden in die beiden in München und Seefeld integriert. In einem rollierenden System werden insgesamt zwölf Arbeiten von Marlies Poss über einen Zeitraum von sechs Monaten – Mai bis Oktober – gezeigt. Die beiden archäologischen Ausstellungen werden so aktualisiert durch einen Brückenschlag über die Jahrtausende hinweg, und aktuelle Fragestellungen erhalten Denkanstöße aus antiken Kulturen, die über die Vermittlung biblischer Texte auch eine der Grundlagen unserer westlichen Kultur geliefert haben.