Panorama

Museum Ägyptischer Kunst München Neuigkeiten & Berichte

Navigation überspringen und direkt zum Inhalt
Es gibt insgesamt 229 Berichte
  • 01. Mai 2006 Restaurierungsprojekt "Assyrische Flachreliefs"

    In diesen Tagen haben in der Eingangshalle des Ägyptischen Museums in der Münchner Residenz die Vorarbeiten für ein Restaurierungsprojekt begonnen, das bereits mit dem Umzug in den geplanten Neubau in Verbindung steht.
    Die sieben heute im Vierschäftesaal der Münchner Residenz ausgestellten Reliefs stammen aus der Zeit des assyrischen Königs Assurnasirpal II. (883-859 v. Chr.). Sie stammen aus dem Nordwestpalast in Kalhu (Nimrud), dem biblischen "Ninive" und dienten als Wandverkleidung der aus Lehmziegeln errichteten Innenräume. Dargestellt sind Genien, mächtige Geister, die den Palast beschützen und Kulthandlungen vollziehen.

    Der Keilschrifttext, der sich in halber Höhe der Platten über die einst farbig gefassten Reliefs hinwegzieht, nimmt kaum Rücksicht auf deren plastische Gestaltung. Es handelt sich um immer dieselbe Standardinschrift, die neben Namen und Titeln des Königs einen kurzen Bericht über seine Besitzungen und Eroberungen sowie über den Wiederaufbau der Stadt und des Palastes in Nimrud enthält.

    Die Reliefs wurden Mitte des 19.Jhs. ausgegraben und gelangten über London nach München: 1863 waren sie im Auftrag von Ludwig I. für seine Glyptothek erworben worden, wo sie bis zum 2. Weltkrieg ausgestellt waren. 1970 wurden sie dann im Zuge der erstmaligen Eröffnung des Ägyptischen Museums an ihrem heutigen Ort montiert. Seinerzeit waren die Voraussetzungen andere als heute: Das Museum hatte einen Bruchteil der heutigen Besucherzahlen, der über den Museumsräumen liegende Kaisersaal war nach dem Krieg noch nicht wieder restauriert. Durch die heutige nahezu tägliche Benutzung des Kaisersaals für Veranstaltungen (z.B. Empfänge der Staatskanzlei, Vermietungen durch die Schlösserverwaltung) sind die Türen oft stundenlang geöffnet, was besonders bei Kälte und Nässe überaus ungünstige klimatische Bedingungen für die wertvollen Reliefs schafft, die außerdem mechanischen Beschädigungen ausgesetzt sind.

    Bei den laufenden Untersuchungen werden die Reliefs genau vermessen und die Schäden und Spuren von früheren Bearbeitungen, Umarbeitungen und Restaurierungen sorgfältig kartiert. Besonderes Augenmerk gilt der ehemaligen Bemalung: Bei genauerer Untersuchung lassen sich nämlich Farbreste in den Gewandfalten, bei den Gliedmaßen (z.B. an den Zehennägeln) sowie in den Texten beobachten.

    Die Darstellungen sind sehr flach mit durchschnittlich nur 1 cm Reliefhöhe aus dem sog. Mossul-Alabaster gemeißelt. Erst die entsprechende Beleuchtung im Streiflicht zeigt, wie plastisch und differenziert die Oberflächen trotzdem gestaltet sind. Die Platten sind bis zu 2,40 m hoch und 1,50 m breit und wiegen bis zu 1000 kg. Früher waren sie noch schwerer, weil sie teilweise - aus Gründen der Gewichtsersparnis für den Transport - rückwärtig abgearbeitet wurden.

    Die laufenden Untersuchungen dienen der Vorbereitung der einen längeren Zeitraum in Anspruch nehmenden Restaurierung der Reliefs, die im Hinblick auf die aktuelle Gefährdung der Stücke einerseits und den geplanten Neubau des Museums andererseits möglichst bald erfolgen soll: Die Abnahme der Reliefs ist für den kommenden Herbst geplant, sie werden nicht mehr an ihren derzeitigen Standort zurückkehren. Nach ihrer Restaurierung werden sie dann im neuen Museum ihrer Bedeutung und ihrem Wert entsprechend präsentiert werden.



  • 01. April 2006 Wiedereröffnung des Zweigmuseums Seefeld

    Traditionsgemäß wurde am Palmsonntag das Zweigmuseum Seefeld nach der Winterpause mit der Ausstellung "Aus Pharaos Werkstatt" wiedereröffnet.
    Sylvia Schoske führte die aufmerksamen Premierengäste durch die Ausstellung, wobei unter anderem die Proben ägyptischer Steinmaterialien viel Interesse fanden. Gabi Ulrich überbrachte die Willkommensgrüße der Gemeinde für die neue Saison und den Dank für die harmonische Zusammenarbeit. In diesem Jahr gibt es ein umfangreiches Programmangebot - und die ersten Besucher konnten gleich selbst aktiv werden auf der "Hasenjagd" quer durchs Museum.
  • 26. März 2006 Enthüllung des neuen Gastobjektes in Weiden: ein kostbares Glasgefäß

    Am Sonntag, dem 26. März, wurde das neue Gastobjekt im Zweigmuseum Weiden präsentiert.
    • Goldband-Alabastron
    • Enthüllung durch Dietrich Wildung und Stefanie Dietz
    • Gäste
    • Gäste
    Diese Veranstaltung fand im Rahmen der Bayerisch-Böhmischen Kulturtage statt, die sich dieses Jahr auf die Themen „Glas und Architektur" konzentrieren.

    Aus diesem Anlaß wurde als neues Gastobjekt ein kostbares Goldband-Alabastron aus den Beständen des Staatlichen Museums Ägyptischer Kunst München ausgewählt. Als Gast anwesend war der Direktor des Ägyptischen Museums Berlin, Dietrich Wildung, der nach dem Einführungsvortrag seiner Münchner Kollegin Sylvia Schoske das Objekt enthüllte, gemeinsam mit Stefanie Dietz, der Leiterin des Keramikmuseums in Weiden. Bei einem Glas Sekt ergaben sich unter den sachkundigen Zuhörern anschließend noch lebhafte Gespräche. Das Goldband Alabastron wird nun bis Mitte Uni in Weiden zu sehen sein.
  • 01. März 2006 schule@museum Multimedia-Wettbewerb im Zweigmuseum Seefeld

    Dieser bundesweite Multimedia-Wettbewerb will Schule und Museum auf eine neue Art verlinken
    Schüler – eine Klasse, eine Projektgruppe, ein Kurs – setzen sich mit den Objekten eines Museums auseinander und gestalten eine internettaugliche Multimedia-Produktion als CD-ROM. Die Wertung erfolgt in vier Alterstufen von der Grundschule bis zur Kollegstufe. Diese Initiative wird getragen vom Deutschen Museumsbund, dem Bundesverband Museumspädagogik und dem BDK-Fachverband für Kunstpädagogik.

    http://www.museumsbund.de/de/projekte/archiv/schulemuseum/

    Auf Initiative der Informatiklehrerin Ute Dorschner wird sich die Multimediagruppe II von der Staatlichen Realschule Unterpfaffenhofen gemeinsam mit dem Museum Ägyptischer Kunst München an diesem Wettbewerb beteiligen –- und zwar mit einem Projekt zum Zweigmuseum Seefeld und seiner aktuellen Ausstellung „"Aus Pharaos Werkstatt"". Nach vorbereitenden Gesprächen besuchten die Schüler am 21. März 2006 gemeinsam das Museum zu einem ersten Rundgang. In einer Führung machten sie sich zunächst mit dem Thema der Ausstellung vertraut, konnten dann in kleinen Gruppen unter museumspädagogischer Betreuung weiter auf Entdeckungsreise gehen und schließlich als Photographen selbst aktiv werden.

    Wir sind gespannt, wie sich das Projekt weiterentwickelt....
    Themen:
  • 01. Februar 2006 Eröffnung der Ausstellung "Das Alte Ägypten (be)greifen

  • 15. Dezember 2005 Moderne Zeiten für den alten Sudan - Herbstkampagne 2005 in Naga

    Nach zehn Jahren Wüste von Januar bis März, von kühlen Winternächten zu sengender Frühlingssonne nun eine Kampagne im Spätherbst mit angenehmen 25° am Abend.
     Manches ist anders diesmal. Nach zehn Jahren Wüste von Januar bis März, von kühlen Winternächten zu sengender Frühlingssonne nun eine Kampagne im Spätherbst mit angenehmen 25° am Abend. Der Flug von Frankfurt nach Khartum ohne den lästigen Zwischenstop in Kairo - kaum zur Nachmittagssiesta eingeschlafen, wacht man beim Sonnenuntergang in Khartum auf. Eine renovierte Ankunftshalle, vergnügte Paßbeamten, neue Gepäckwagen (wie schon immer ohne Bakschisch heischende Helfer), keine Zollkontrolle - angenehmer könnte die Ankunft im Sudan nicht sein. Viele Neubauten in Khartum, säuberlich gepflegte Strassen. Die Altertümerverwaltung nun dem Ministry of Culture & Youth & Sport zugeordnet und damit ins Licht des öffentlichen Interesses gerückt. Als Vertretung der Altertümerverwaltung in unserer Grabung eine junge, selbstbewußte Inspektorin, die die Fahrt nach Naga mit pausenlosem Telefonieren und Versenden von SMS beginnt. Beim Einkauf für die Wochen in der Wüste wohl gefüllte Läden (einschließlich Weihnachtskrippen) und ein mittäglicher Verkehrsstau, der noch undurchdringlicher geworden ist als ein halbes Jahr zuvor.

    Den Anstoß zu dieser Kampagne zu ungewohnter Zeit hat der Verein zur Förderung des Ägyptischen Museums Berlin gegeben. Seine Bereitschaft, die Freilegung und Restaurierung der Hathor-Kapelle in Naga zu finanzieren, ermöglicht es uns, zusätzlich zur Hauptkampagne einen Sondereinsatz zu unternehmen, der in seiner Programmatik und der sich daraus ergebenden personellen Besetzung das eigentlich Andere, das Neuartige darstellt.
    Die Hathor-Kapelle ist das außergewöhnlichste Bauwerk der meroitischen Architektur. In der Verschmelzung von hellenistisch-römischen, pharaonisch-ägyptischen und meroitischen Elementen steht sie für die Funktion des Reiches von Meroe als Bindeglied zwischen der Mittelmeer-Welt und Afrika, ist sie der architektonische Ausdruck eines antiken Nord-Süd-Dialogs. Weit jenseits der Grenzen des römischen Reiches gelegen, ist sie der südliche Extrempunkt des Einflußbereichs des Weltreichs der Cäsaren.

    Bislang wurde die Kapelle ins späte 3. Jahrhundert n. Chr. datiert und in der Fachliteratur als "Römischer Kiosk" geführt. Claude Rilly konnte eine Besucherinschrift, die in kursiven meroitischen Schriftzeichen auf die nördliche Innenwand der Kapelle geschrieben ist, in die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. datieren, so dass der kleine Tempel zeitlich in die direkte Nähe zum nebenan stehenden Löwentempel rückt, der in der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. von König Natakamani errichtet wurde. Bei einer Sondage während der Kampagne 2003 fanden wir ein Hathor-Kapitell, das die Funktion des kleinen Tempels als Heiligtum dieser Göttin identifiziert, die auch am Löwentempel dargestellt ist.
    Das Bauwerk ist akut einsturzgefährdet. Die beiden obersten Steinlagen sind abgestürzt und liegen ringsum verstreut. Die tonnenschweren Architrave ruhen auf Kapitellen aus weichem Sandstein, die unter dem Druck geborsten sind und auseinander zu fallen drohen. Die Statik ist gestört, der Verbund der Sandsteinblöcke hat sich gelöst. Die Freilegung des unteren, noch knapp einen Meter im Boden steckenden Teils der Kapelle wäre nur unter erheblichen Risiken möglich.

    Während der letzten Kampagnen wurde mit dem durch die Zusammenarbeit auf der Museumsinsel bewährten Team von 'Restaurierung am Oberbaum', das mit der Wiedererrichtung der Säulen im Amun-Tempel einen wichtigen Beitrag zur Denkmalpflege im Sudan geleistet hat, eine Konzeption für die Rettung der Hathor-Kapelle entwickelt. Sie geht vom gleichzeitigen Einsatz von Archäologen, Architekten und Restauratoren aus, so dass Ausgrabung, Bauaufnahme und restauratorische Maßnahmen ineinander greifen. Um der generellen Philosophie äußerster Zurückhaltung bei restauratorischen Maßnahmen treu zu bleiben, soll die Hathor-Kapelle als Ruine konserviert werden, also nicht - was durchaus machbar wäre - durch Rekonstruktion in einen perfekten, aber nicht authentischen Urzustand zurück versetzt werden.

    Grundlage aller Arbeiten ist die dreidimensionale millimetergenaue Erfassung der Architektur. Das Spezialbüro Objekt Scan aus Potsdam nimmt in nächtlichen Einsätzen mit einem Streifenlicht-Scanner die gesamte Architektur in einem plastischen Modell auf. Die aus Abermillionen Pixeln bestehenden Datensätze erlauben eine mechanische Nachformung einzelner Bauteile in beliebigem Maßstab - vom kleinen Gesamtmodell der Kapelle bis zur 1:1-Replik der Kapitelle. Die originalen Kapitelle werden gefestigt und ihre zahllosen Risse reversibel verklebt. Damit sind sie für eine verlustfreie Abnahme und Verbringung ins Nationalmuseum Khartum vorbereitet. An ihrer Stelle werden in Werkstein gefräste, millimetergenaue Repliken eingesetzt, die die Last der Architrave und der aus den verstürzten Blöcken zusammengesetzten Gesimse aufnehmen. Nach diesem Austausch nicht mehr funktionsfähiger Bauteile gegen stabile Nachformungen wird die Statik der Kapelle durch Ringanker und andere nicht sichtbare Stabilisierungsmaßnahmen wieder hergestellt. Durch die nun gefahrlos durchführbare Freilegung der unteren Zone gewinnt die Kapelle ihre schlanken, hoch aufragenden Proportionen zurück. Die Abtragung des in zwei Jahrtausenden um etwa einen Meter angestiegenen Umfelds legt das antike Niveau frei, das den nahe gelegenen Löwentempel einbezieht.

    Schon die ersten Tage der fünfwöchigen Kampagne zeigen die hohe Effizienz der engen Zusammenarbeit qualifizierter Spezialisten. Bei Grabung, Bauaufnahme und Restaurierung auftauchende Fragen können sofort diskutiert und kompetent entschieden werden. Wenn mit Sonnenuntergang die Feldarbeit zu Ende geht, beginnt der Generator die abendliche Wüstenruhe zu stören; nun tritt der Scanner in Aktion, der bis weit nach Mitternacht gespenstische Lichtblitze auf die Tempelwände wirft. Schon am nächsten Morgen sehen wir ein weiteres Stück Architektur auf dem Monitor, das sich nach allen Seiten drehen und wenden und kippen läßt. Die Moderne hat Einzug gehalten in der Archäologie des Sudan - mit der klaren Zielsetzung, die Antike unverfälscht der Zukunft zu überliefern.
    Wir diskutieren nicht nur die wissenschaftlichen Aspekte dieser neuen Technologie, sondern lassen der Phantasie freien Lauf, entwickeln kühne Marketing-Konzepte: Hathor-Kapellen en miniature zum Verkauf im Museumsladen und ein 1.1-Modell auf dem Schloßplatz gegenüber dem Alten Museum.

    Die Freilegung und Bergung der verstürzten Architekturteile versetzt uns täglich in neues Staunen. Über Uräenfriesen setzen Torbogen an, die an frühchristliche Kirchen, am Rom und Ravenna denken lassen. In barockem Überfluß bietet diese Architektur eine meroitische Postmoderne, die sich eklektizistsich in der Architektur Ägyptens und Roms bedient und ein einzigartiges Kompendium antiker Architekturformen bietet.

    Der Verein zur Förderung des Ägyptischen Museums Berlin steht mit seiner Förderung dieses Projektes in wahrhaft königlicher Tradition: Vor 160 Jahren hat Friedrich Wilhelm IV. durch seine Förderung der preußischen Expedition den Anstoß zur wissenschaftlichen Erforschung des antiken Sudan gegeben. Heute sind wir in die Lage versetzt, mit modernsten Methoden und Verfahren und einer zukunftweisenden Konzeption Standards in der Archäologie und Denkmalpflege des Sudan zu setzen.

    Dietrich Wildung (Artikel der Mitgliederzeitschrift aMun)

     

    Themen:
  • 25. August 2005 Ein gigantisches Puzzle - Tempel 200 in Naga

    Nach zwei Kampagnen können wir für den etwas südwestlich vom Amuntempel gelegenen Tempel Naga 200 auf eine stattliche Anzahl von freigelegten Reliefblöcken blicken.
    Nach zwei Kampagnen können wir für den etwas südwestlich vom Amuntempel gelegenen Tempel Naga 200 auf eine stattliche Anzahl von freigelegten Reliefblöcken blicken. Im Jahr 2004, als begonnen wurde, diesen Tempel auszugraben und zu dokumentieren, wurden im Vorbereich des Pylons ca. 250 Blöcke freigelegt, in der diesjährigen Kampagne 2005 kamen weitere ca. 730 größtenteils mit Dekor versehene Blöcke und kleine Fragmente hinzu, die teils vor dem Pylon, teils vor der östlichen Langseite des Tempels lagen. Mittlerweile sind vor dem Pylon in sieben Versturzlagen die Blöcke und Fragmente erfaßt, weggeräumt und der Bereich bis in Fundamenttiefe abgetragen worden. An der Ostseite wurden Blöcke in drei Steinlagen dokumentiert - hier ist die Arbeit jedoch noch nicht abgeschlossen. Die photographische Aufnahme der mit tief eingeschnittenem versenktem Relief dekorierten Blöcke erfolgt im Format 6/7 cm in schwarz-weiß, auf Kleinbilddiapositiven und digital.

    Die Kartierung der Fundlage der einzelnen Blöcke - ein mühevolles Unterfangen, aber ein unerläßliches Hilfsmittel für die Rekonstruktion der Gesamtreliefs - ermöglicht es jetzt, die einzelnen Blöcke zu ganzen Figuren, ja ganzen Szenen zusammenzusetzen. Um dies überhaupt praktisch bewerkstelligen zu können, sind zunächst alle vorhandenen Photos und Diaabbildungen von Reliefblöcken auf einen annähernd gleichen kleinen Maßstab herunterkopiert worden. Je nach Fundlage und unter Berücksichtigung der Blockhöhe läßt sich mit diesen Schnipseln das Reliefdekor wie in einem Puzzle wiedergewinnen. Eine solche Vorgehensweise gibt natürlich nur einen Anhaltspunkt, ob Blöcke aneinander passen, die endgültige Verifizierung (oder Falsifizierung!) erfolgt dann am Original oder über die noch anzufertigenden 1:1 - Zeichnungen.

    Es war schon in der Kampagne 2004 ganz offensichtlich (siehe aMun 22, S. 4-9), daß die Pylondekoration in groben Zügen als eine Kopie des - oder ein Vorbild für den (?) - Löwentempel(s) anzusehen ist. Wie bei diesem ist auf beiden Pylontürmen von Naga 200 eine königliche Figur (Abb. 1) in der programmatischen Pose des Erschlagens von Feinden (Abb. 2) zu erkennen. Links hält der König ein Schwert in der Hand, die die am Schopf zusammen gebündelten Feinde packt, rechts sind es neben einem Schwert noch Bogen und Pfeile (Abb. 3). Auf dem östlichen Pylonturm trägt der König die Doppelkrone, auf dem westlichen Turm ist es eine Federkrone. Auf beiden Pylontürmen steht auf der dem Eingang zugewandten Wandfläche je eine Götterfigur mit dem charakteristischen Schuppengewand (Abb. 4a, b). Diese Götterdarstellungen fehlen auf dem Pylon des Löwentempels. Wer diese Götter sind, läßt sich bisher noch nicht feststellen und damit auch nicht der eigentliche Tempelherr. Auch die königliche Figur des westlichen Pylonturms ist bislang noch unklar - es scheint sich allerdings wohl nicht um eine Königin zu handeln wie beim Löwentempel. Auf beiden Pylonteilen sind, wenn auch ikonographisch anders gestaltet, Gefangene attackierende Löwen zu erkennen. Einzelne Details der Darstellungen sind mitunter anders als beim Löwentempel, so die Sandalen des Königs auf dem östlichen Pylon (Abb. 5), die eine Entsprechung in einer Darstellung des Arikankharer, Sohn des Natakamani, aus Meroe haben (Katalog: Africa in Antiquity II, Brooklyn 1978, Nr. 125).

    An architektonischen Details kann ein an drei Seiten des Pylonturms umlaufender Rundstab mit anschließendem, leicht erhabenem Streifen zur Bildfeldbegrenzung identifiziert werden, außerdem die z.T. noch in situ befindliche Sockelzone mit den Feindpersonifikationen auf Schilden (siehe aMun 22, Abb. S. 8). Auch die Begrenzung nach oben läßt sich definieren: über der an die Außenecken gerückten geflügelten Sonne folgt ein vorspringender Sternenfries, der Rundstab und ein Ornamentfries aus einer Abfolge von kleinen Götterfiguren, Vögeln und Kartuschen auf Goldzeichen. Den Abschluß bildet eine große Hohlkehle. Im Ornamentfries des östlichen Pylonturms ist auch eine gut lesbare Kartusche mit dem Namen des Königs Amanikhareqerem erhalten (siehe aMun, 23, S. 12 f.), was zumindest die Dekorierung des Tempels 200 in seine Regierungszeit nahelegt. Andere Inschriftblöcke mit Beischriften sind zur Zeit noch nicht exakt verortbar.
    Bei der Freilegung des Pylonfundaments stellte sich zum Erstaunen aller Grabungsteilnehmer heraus, daß dieses z.T. mit wiederverwendeten reliefierten Blöcken aufgebaut ist. Damit können jetzt auch die merkwürdigen, hinten z.T. verputzten Halbrundblöcke mit ebener Relieffläche vorne eine Erklärung finden. Es handelt sich mit Sicherheit um wiederverwendete Säulenteile eines anderen Bauwerks oder eines Vorgängergebäudes, die halbiert worden waren und deren Rundung dann im Mauerwerk verschwand. Es lassen sich so auch die Blöcke erklären, die auf mehr als einer Seite Reliefspuren aufweisen. Sie stammen nicht, wie ursprünglich angenommen, von schmalen, beidseitig dekorierten Wänden, sondern sind vermutlich ebenso sekundär verwendete Bauteile.

    Neben dem bekannten Dekorprogramm des Pylons tauchen weiterhin vermehrt Reliefblöcke auf, die aufgrund ihres Formats, der Reliefgröße und des Fundorts ebenfalls zum Pylon zu gehören scheinen, aber nicht zum Hauptmotiv gehören können, da sie Gewand- und Körperdetails von nur etwas kleineren Gestalten zeigen (Abb. 6a, b), die sich nicht in die bisher ermittelten Königs- und Götterfiguren einfügen lassen. Verschiedene Erklärungen bieten sich an: Es könnte sich um Blöcke des älteren Bauwerks handeln, die als Füllmaterial im Pylon verwendet wurden. Mit Vorbehalt ist auch zu überlegen, ob nicht auf jeder Pylonhälfte eine weitere Figur dargestellt gewesen sein kann (Gott? Göttin? Königin? Prinz?). Der verfügbare Platz bei einer Breite jedes Pylonturms von ca. 7,5 Metern könnte es möglich erscheinen lassen. Als weitere Anbringungsmöglichkeit sind auch die Seiten- und Rückflächen des Pylons in Betracht zu ziehen.

    Die Rekonstruktionsversuche für die Ostseite sind bis auf einzelne "joints" noch nicht sehr weit gediehen. Klar ist nur, daß eine Reihe von kleinformatigen Götter- und Königsfiguren dargestellt war, teils nach rechts und teils nach links orientiert. Im Unterschied zum Pylon sind die Steinmaße der Ostseite sehr viel kleiner. Eine Hohlkehle mit Fiederung bildet den oberen Wandabschluß an den Langseiten.
    Die kommenden Grabungskampagnen werden nicht nur die Vervollständigung der Reliefdekoration der Außenwände erlauben, sondern auch Aufschluß über den Reliefschmuck der Innenräume in kräftigem Flachrelief geben, von dem an den Oberkanten der noch nicht freigelegten Wände zahlreiche Spuren erkennbar sind.

    Josefine Kuckertz
    (Artikel der Mitgliederzeitschrift aMun)

     

    Themen:
  • 30. Juli 2003 Am Ende der hellenistischen Welt - Der Römische Kiosk in Naga

    Fürst Pückler spricht vom so genannten Römischen Kiosk, der in Naga im Nordsudan unmittelbar vor dem Löwentempel steht und mit ihm zusammen das Wahrzeichen dieser antiken meroitischen Stadt ist. Die Ratlosigkeit des kunstsinnigen Reisenden des frühen 19. Jahrhunderts vor diesem Stilgemisch hält bis heute an.
    • Facharbeiter in Naga
    • Amun-Tempel
    • Sondage an der Hathor-Kapelle
    • Zeichnung des Löwentempels 1844
    • Naga 2003
    Neben den Pyramiden von Meroe gibt es für die frühen Reisenden im Sudan ein Standard-Motiv, das sich bei Linant de Bellefonds ebenso findet wie bei Frederic Cailliaud und Richard Lepsius und das Fürst Pückler Muskau 1837 als Tempel beschreibt, '...der im verdorbensten römischen Stil widerlicher Überladung den völligen Verfall der Kunst verrät, obgleich er zum Teil mit ägyptischen Verzierungen, aber ohne Hieroglyphen und Bildwerken, ausgeschmückt ist, mehr den phantastischen Undingen in einer unsrer älteren Gartenanlagen als einem den Göttern geweihten religiösen Gebäude ähnlich '.

    In eine vernichtende Wertung verpackt, benennt diese knappe Beschreibung den noch wesentliche Beobachtungen, eine römische und eine ägyptische Komponente der Architektur, und indirekt die Sonderstellung dieses Gebäudes in stilistischer wie funktionaler Hinsicht.

    Fürst Pückler spricht vom so genannten Römischen Kiosk, der in Naga im Nordsudan unmittelbar vor dem Löwentempel steht und mit ihm zusammen das Wahrzeichen dieser antiken meroitischen Stadt ist. Die Ratlosigkeit des kunstsinnigen Reisenden des frühen 19. Jahrhunderts vor diesem Stilgemisch hält bis heute an. Außer einem Versuch der Datierung und Einordnung von Seiten der klassischen Archäologie (Theodor Kraus im Archäologischen Anzeiger 1964) hat sich die Architekturgeschicht bislang um diesen Problemfall gedrückt, den Th. Kraus als 'eine der merkwürdigsten und großartigsten Begegnungen der meroitischen mit der römischen Kunst' würdigt.

    Der Kern des Problems liegt darin, dass bislang eine wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Aufnahme und Publikation des Bauwerks nicht vorliegt. So ist der Römische Kiosk seit Beginn des Naga-Projekts des Ägyptischen Museums Berlin eine der Prioritäten des Arbeitsprogramms gewesen. Sie musste jedoch aus mehreren Gründen zurückgestellt werden. Eine Bauaufuahme setzt die Freilegung des Bauwerks voraus, dessen unterer Teil tief im angeschwemmten Boden des während der Regenzeit überfluteten Wadi Awatib steckt; die Freilegung aber ist angesichts des fragilen Zustands der Architektur ohne synchron laufende Beobachtung und Betreuung durch Restauratoren nicht möglich. Restaurierungsarbeiten sind aus den Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die der wichtigste Finanzträger des Naga-Projekts ist, nicht abrechenbar. So muss es das Anliegen des Projekts sein, Drittmittel für die Sicherung und Restaurierung des Römischen Kiosks einzuwerben. Die Voraussetzung dafür ist eine fundierte Machbarkeitsstudie und eine darauf aufbauende Kostenschätzung.

    Während der Kampagnen 2002 und 2003 konnten die im Amun-Tempel tätigen Restauratoren des Berliner Teams 'Restaurierung am Oberbaum' die Basisdaten für ein Restaurierungsprojekt am Römischen Kiosk zusammentragen, und am Ende der Kampagne 2003 wurden durch mehrere Sondagen wichtige Informationen für eine künftige Bearbeitung des Kiosks gewonnen.

    Die Freilegung der Südostecke des Bauwerks erlaubt einen Einblick in die verschüttete unterste Zone der Architektur und in ihre Fundamente. Das antike Begehungsniveau liegt 70 Zentimeter unter der heutigen Oberfläche, so dass die gedrungenen Proportionen des sichtbaren Bauwerks sich in eine hoch aufragende schlanke, elegante Silhouette verwandeln. Das Fundament wird von zwei Lagen großformatiger Sandsteinblöcke gebildet, die keinerlei Setzungen, Verschiebungen oder Schäden aufweisen.

    Es darf also angenommen werden, dass die antike Fundamentierung weiterhin tragfähig ist. Damit erweisen sich die zunächst angestellten Überlegungen, den kleinen Tempel abtragen und mit einem neuen Fundament versehen zu müssen, als verzichtbar.

    Gleichzeitig stellt sich die grundsätzliche und nicht reizlose Frage, ob eine Totalrestaurierung mit dem Ziel der Wiederherstellung des ursprünglichen Erscheinungsbildes des Kiosks die einzig vorstellbare Konzeption darstellt. Der intensive Umgang mit Fragen der Denkmalpflege im Rahmen der Generalsanierung der Berliner Museumsinsel hat die Sensibilität für originale Bausubstanz geschärft, und so erscheint es durchaus vorstellbar, dem Kiosk von Naga, der nicht zuletzt durch die Romantik seines ruinösen Zustands besticht, sein vertraut gewordenes Erscheinungsbild zu belassen und den restauratorischen Eingriff darauf zu beschränken, die Ruine zu konsolidieren. Das schließt die Festigung der aus weichem Sandstein gemeißelten Kapitelle ein, die unter dem Druck der aus extrem dichtem Sandstein gefertigten mächtigen Architrave zerdrückt und in ihrer Struktur weitgehend zerstört sind.

    Ein teilweiser Abbau des Gebäudes ist sicherlich unvermeidbar, um diese restauratorischen Arbeiten durchführen zu können. Ein Wiederaufbau könnte aber durchaus die Wiederherstellung des jetzigen Erscheinungsbildes zum Ziel haben.

    Eine zweite Sondage in der inneren Südwestecke des Kiosks, bei der geklärt werden sollte, ob das Fundament flächig unter dem gesamten Bauwerk verläuft, erbrachte einen unerwarteten und aussagekräftigen Fund. Wir wurden durch unsere Grabungsarbeiter aufmerksam gemacht, die plötzlich Bagara! riefen, Kuh!

    Dicht unter der heutigen Oberfläche lag ein großer Sandsteinblock, dessen eine Seite in kräftigem Relief einen Hathorkopf trägt, ein frontal wiedergegebenes Frauengesicht mit Kuhohren. Dieser kopfüber liegende Block saß ursprünglich als Türsturz über der Innenseite des Westtors des Kiosks, das zum Löwentempel führt.

    Der Hathorkopf gibt dem Kiosk eine funktionale Deutung im Zusammenhang mit der in der meroitischen Religion gut bezeugten Göttin, so dass es nahe liegt, den irreführenden Begriff 'Kiosk' künftig durch 'Hathorkapelle von Naga' zu ersetzen. Die stilistische Ausführung des Kopfes weist in die klassische meroitische Epoche um die Zeitenwende, also in die Zeit, in der unter Natakamani und Amanitore der direkt hinter der 'Hathorkapelle' liegende Löwentempel von Naga errichtet wurde.

    Eine direkte Beziehung zwischen beiden Gebäuden liegt schon angesichts ihrer engen Nachbarschaft nahe, wurde aber bislang durch die von Th. Kraus vorgeschlagene Datierung des 'Kiosks' ins 3. oder gar 4. Jahrhundert nach Christus als problematisch angesehen. Eine Datierung in sehr viel frühere Zeit eröffnet neue Perspektiven. Die aus der Mittelachse gerückte Lage der 'Hathorkapelle' vor dem Löwentempel findet in Naga Parallelen beim Tempel 'F' und beim Hochaltar vor dem Amun- Tempel und ist eine architektonische Konstellation, die einen auch an mehreren anderen Orten begegnet - so am 'Sonnentempel' in Meroe und beim Palast in Wad Ban Naga.

    Das Projekt der Freilegung und Restaurierung der 'Hathorkapelle von Naga' wird im Sommer 2003 ausgearbeitet vorliegen, so dass die Finanzierung aus Drittmitteln in Angriff genommen werden kann. Die Bedeutung und, wie wir glauben, Faszination des Projektes liegt darin, dass die 'Hathorkapelle' das südlichste Ende der hellenistischen Welt bezeichnet, die Grenze - oder doch wohl eher Brücke zu Afrika. Hellenistisch-römische, pharaonisch-ägyptische und meroitische Elemente verbinden sich zu einer architektonischen Schöpfung eigener Wertigkeit. In der 'Hathorkapelle' hat der Dialog der Kulturen architektonische Gestalt gewonnen, hier artikuliert sich Tausende von Kilometern südlich des Mittelmeeres der Einfluss der griechich-römischen Weh, hier finden wir das südliche Gegenstück zu den hellenistischen Aspekten der Kunst der Skythen und Germanen.

    Dietrich Wildung
    (Artikel der Mitgliederzeitschrift aMun)

     

    Themen:
  • 27. Juli 2003 Hilferuf und Finderglück - Sudantag 2003 im Ägyptischen Museum Berlin

    Die Saubohnen gehören zum Sudantag wie der Rotwein zum Dienstag-Vortrag. So war es nicht erstaunlich, dass mehrere besorgte Anrufer sich erkundigten, ob die Einladung zum 27. Juli 2003 in die Remise nach Charlottenburg in diesem Punkt unvollständig sei oder ob man diesmal auf die lieb gewordene Köstlichkeit verzichten müsse.
    Man musste; denn es war abzusehen, dass die Teilnehmerzahl am Sudan-Tag 2003 weit größer sein würde als üblich. Zwei Vorträge standen auf dem Programm, die nicht nur die Sudan-Freunde aus dem Förderverein und wie immer auch aus dem Münchner Freundeskreis - anlocken, sondern auch die Fachwelt ansprechen würden. So waren nicht nur die Berliner Hochschulen vertreten, sondern auch Kollegen aus Köln, Wien und Paris, und als Ehrengäste konnten wir S. E. Ahmed Gaafar Abdelkarim, Botschafter der Republik Sudan in Berlin, und S. E. Dr. Werner Daum, deutscher Botschafter früher in Khartum und heute in Kuweit, mit seiner Frau Gemahlin begrüßen.

    Dr. Salah Mohamed Ahmed,Direktor für Ausgrabungen in der National Corporation of Antiquities and Museums in Khartum, berichtete über das bereits in Gang befindliche Großprojekt des Staudamms am Vierten Katarakt und seine Konsequenzen für die Archäologie. 180 Kilometer Niltal werden ab 2008 unter Wasser gesetzt. 48.000 Menschen müssen in neue Siedlungsgebiete bei ed Damer, Nuri und Debba umgesiedelt werden. Tausende von archäologischen Stätten liegen in diesem nahezu unerforschten Teil des Niltals.

    Ein Vergleich mit der Nubian Campaign der sechziger Jahre erscheint zunächst unzutreffend, da spektakuläre Bauten wie Abusimbel, Wadi es Sebua, Kalabscha (und letztlich ja auch Philae) unter den von der Überflutung bedrohten Denkmälern fehlen. Diese Rettungsaktionen waren aber nur die medienwirksame, spektakuläre Oberfläche, unter der Hunderte von Grabungen und Surveys eine gewaltige Menge neuer Funde und Befunde ans Licht brachten, die vom Paläolithikum bis in die jüngste Vergangenheit reichen. Kein anderer Teil des Niltals ist heute archäologisch so gut erforscht wie die 350 Kilometer von Wadi Halfa bis Aswan.

    Ähnliches gilt es am Vierten Katarakt zu leisten, und so kann die Nubian Campaign auch als Logistik- und Organisationsmodell für die neue Rettungsaktion dienen. Bei einer ersten internationalen Konferenz in London haben sich bereits mehrere Länder, darunter Deutschland, zur Mitarbeit bereit erklärt. Für einen effektiven Start fehlt aber bislang nicht nur eine solide finanzielle Basis, sondern eine internationale Medienkampagne und eine Koordinierungsstelle, die die Aktivitäten bündelt und zwischen Politik, Bauträgem und Archäologen vermittelt. Gespräche zwischen Dr. Salah, den bei den Botschaftern (Kuweit ist einer der Finanzträger des Staudammprojekts) und dem Ägyptischen Museum haben gemeinsame Schritte zur Lösung dieser Fragen vorbereitet.

    Die Arbeit in Naga bildete den mittleren Block der Vortragsfolge. Karla Kroeper beobachtete den Anflug des sudanesischen Staatspräsidenten Omar el Baschir per Helikopter zum Besuch unserer Grabung. Dietrich Wildung stellte eine erste kunsthistorische Analyse der im Amun-Tempel gefundenen Statuen vor. Das Restauratorenteam 'Restaurierung am Oberbaum' berichtete über die Aufstellung der Säulen im Hypostyl des Amun-Tempels und die Anwendung historischer Arbeitstechniken im Steinbruch und entwickelte das Konzept für die Restaurierung der Hathor-Kapelle, das dringlichste Projekt in Naga.

    Den Höhepunkt des Sudan-Tages bot Charles Bonnet mit dem Bericht über seine neuesten Entdeckungen in Kerma. Erstmals vor einer breiteren Öffentlichkeit zeichnete er die Ereignisse Mitte Januar 2003 nach, die zur Freilegung eines Statuendepots führten. Bei der Reinigung der Schichtenfolge eines Tempels, der sich bis in die Mitte der 18. Dynastie zurückverfolgen lässt, kam eine Grube zum Vorschein, in der sauber geschichtet zunächst Arme und Beine, darunter die Körper und schließlich die Köpfe von sieben Königsstatuen lagen. Die teils überlebensgroßen Figuren aus Granit zeigen nach Ausweis ihrer hieroglyphischen Inschriften Takarka, Tanwatamani, Senkamanisken, Anlamani und Aspelta, stellen also eine fast lückenlose Herrscherfolge am Übergang von der kuschitischen zur napatanischen Dynastie im Zeitraum von 690 bis 575 v. Chr. dar. Atemlose Stille herrschte im Raum, und dem Simultan-Übersetzer D. Wildung verschlug es die Sprache, als Charles Bonnet den ersten Blick in die mit Statuenbruchstücken gefüllte Grube gewährte.

    Der Fund ist historisch und kunstgeschichtlich gleichermaßen bedeutend. Einen fast bis ins Detail gleichen Fund machte George Reisner 1917 im Tempel B 500 am Gebel Barkal, dieselben Könige, derselbe Zerstörungsgrad, ähnliche Fundsituation. Psammetichs H. Feldzug nach Napata im Jahr 592 v. Chr. erscheint noch deutlicher als bisher als ein Akt programmatischer Zerstörung der 'schwarzen Pharaonen' .

    Für die Kunst des Nordsudan ist der neu entdeckte Statuenkomplex das Zeugnis technischer Perfektion und stilistischer Meisterschaft, die in nichts hinter den gleichzeitigen Werken im ägyptischen Niltal zurückstehen.

    Ein Drittes kommt hinzu: Schon einen Tag nach der Entdeckung setzte ein nicht enden wollender Besucherstrom ein, aus Kerma, aus der näheren Umgebung, von weit her. Für die Bevölkerung der Region ist dieser Fund ein Akt der historischen Selbstfindung, und so ist es eine nachvollziehbare Entscheidung, die Statuen an ihrem Fundort zu belassen und ein lokales Museum zu errichten, mit dessen Bau bereits begonnen worden ist.

    Auch ohne Saubohnen zog sich der Abend noch lange hin, mit Charles Bonnet und seiner Kollegin Dominique Valbelle von der Sorbonne, die ihm in diesen aufregenden Tagen assistiert hatte und bei der Premiere in Berlin nicht fehlen wollte.

    Und noch jemand war symbolisch auf einem extra frei gelassenen Stuhl in der ersten Reihe anwesend: Trauthilde Körschner, deren Vermächtnis an den Verein alljährlich für einen Körschner-Gedenk-Vortrag verwendet werden soll. Charles Bonnets Bericht war ein würdiger Auftakt.

    Dietrich Wildung
    (Artikel der Mitgliederzeitschrift aMun)

     

An den Seitenanfang